Der Kapitalismus tut, was Karl Marx vom Kapitalismus erwartet hat: Er konzentriert das Kapital in schwindelerregende Höhen, es entstehen Monopole, die sich locker mal einen amerikanischen Präsidenten kaufen (oder auch wieder abstoßen) können. Der Rest soll nach Meinung des ideologischen Überbaus (der Regierung z.B.) den Gürtel enger schnallen.
Da erinnert sich so mancher Journalist und Professor doch tatsächlich an den alten Marx. Nicht an dessen Werke – die hat man offensichtlich nie gelesen. Vielleicht an das, was man mal an der Uni von bürgerlichen Wissenschaftlern über ihn gehört hat. Man kann allerdings auch den Eindruck gewinnen, dass hier so mancher Bildungsmensch sich von einer KI Infos hat zusammenschustern lassen, die mangels korrekter Vorgaben oder mangels zur Verfügung stehenden Textmaterials (die „Kritik der politischen Ökonomie“ dürfte in wenigen Textkorpora zu finden sein) ziemlich ahnungslos daherkommt.
Eine ganze Titelstory widmet der SPIEGEL in seiner 33. Ausgabe dieses Jahres dem Ökonomen und Geschichtsphilosophen – und demonstriert gleich am Titelbild, dass hier Leute von was schreiben, von dem sie nichts verstehen:
Den Autoren fällt die (natürlich nicht zu übersehende) „Konglomeration des Kapitals“ – der marxsche Fachbegriff fällt natürlich nicht – auf und sie kommen zur lustigen Vermutung, dass Marx das wohl „geahnt“ habe. Marx hat die Funktionsweise des Kapitalismus untersucht und ist zu dem wissenschaftlichen Ergebnis gekommen, dass diese Kapitalkonzentration darin begründet und zwingend ist. Offensichtlich haben die Journalisten das nicht einmal „geahnt“, kommen sie in ihren Ausführungen doch zu der wahrhaft abstrusen These, dass zur Rettung des Kapitalismus „mehr Sozialismus“ (was immer sie auch darunter verstehen) hilfreich wäre – und dass Marx daran „seine helle Freude“ gehabt hätte!
In der folgenden SPIEGEL-Ausgabe darf ein junger (Jahrgang 1987) Philosophiedozent aus Japan namens Kohei Saito von einem „dunklen Sozialismus“ als Antwort auf den „Muskismus“ schwadronieren, dessen sehr vage formuliertes Ziel es lediglich sein soll, „in den Ruinen des Kapitalismus zu überleben“.
Laut Saito „kam die Kritik an der stagnierenden kapitalistischen Innovation [einst] von links“ (!!). Um zu dieser Aussage zu kommen, muss er allerdings auf David Graebers provozierende satirische Kritik an den kapitalistischen Fortschrittsversprechen hereinfallen, so als ob der sich wirklich jemals fliegende Autos oder Marskolonien gewünscht hätte. Nur wenn man Marx und den Sozialismus als Helfershelfer des Kapitalismus fundamental fehleinschätzt, kommt man auch zu der abwegigen These einer „Annäherung rechter und linker Neoliberalismuskritik“. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Saito zwar korrekt beschreibt, welche Entwicklung sich die Rechten wünschen – aber kein Wort zu dem Ziel des Sozialismus, das er offensichtlich nicht kennt, nämlich den Kapitalismus „zu überwinden“.
Offensichtlich setzt sich immer mehr die Auffassung durch, dass der Kapitalismus die einzig denkbare Wirtschaftsform ist und dass es Aufgabe aller politischen Strömungen sei, diesen wenigstens ein bisschen erträglicher zu machen. Und selbst das scheint (wieder wegen mangelnden Wissens) nicht mehr erwartet zu werden. So untertitelt eine Mainpost-Journalistin ihren Text, in dem sie erkennbar verwundert ein juristisches Gutachten referiert, nach dem ein bundesweiter Mietendeckel verfassungskonform sei, der Jurist sehe „im Eigentum sogar Verantwortung“. Sogar.
Vielleicht mal im Grundgesetz nachlesen?